Stadt des Kindes

14., Mühlbergstraße 9

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Die "Stadt des Kindes" war das Ergebnis eines Ende der 1960er-Jahre abgehaltenen Wettbewerbs, bei dem es darum ging, eine Alternative zur bis dahin üblichen "geschlossenen Form" der Jugendheime zu schaffen. Der Architekt Anton Schweighofer gewann diesen Wettbewerb; nach seinen Plänen wurde in den Jahren 1970 bis 1974 die "Stadt des Kindes" als bewusst künstliche Stadt mit Häusern, Straßen und Plätzen verwirklicht. Zahlreiche Zusatz- und Folgeeinrichtungen (Schwimmbad, Theater, Turnsaal, Gaststätte, Jugendklub u.a., bis hin zum Kleintierzoo) zielten mit ihrer öffentlichen Benutzbarkeit auf eine vorweggenommene Integration der Kinder aus schwierigen sozialen Verhältnissen ab.

Die 1974 in Betrieb genommene Anlage in Penzing galt als ein Hauptwerk der österreichischen Architektur dieser Zeit. Die Anlage ist aus zwei Gründen besonders interessant: einmal durch das sozialpädagogische Konzept (der Stadträtin  Maria Jacobi) und zum anderen durch die daraus entwickelte architektonisch-städtebauliche Form. Es sollte als Alternative zu den "geschlossenen" Jugendheimen (mit den programmierten sozialen Folgeschäden) eine offene Struktur gefunden werden (Friedrich Achleitner, Österreichische Architektur im 20. Jahrhundert, 1995).

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Die "Stadt des Kindes" diente der Aufnahme von Pflegekindern, die über einen längeren Zeitraum in der Betreuung der Stadt Wien bleiben mussten. Diese Betreuung fand in familienähnlichen Gruppen mit etwa 12 Personen statt. Die Wohneinheiten wurden zueinander und mit den zentralen Infrastrukturen wie Freizeit-, Sport- und Wirtschaftszentrum in einen urbanen Bezug gesetzt. Die Gesamtstruktur war also nicht am Modell Kinderdorf und nicht am Kinderheim orientiert, sondern sollte eine neue Form von kinderbezogenem Stadtteil darstellen.

Schweighofer schrieb 1970 in einem Aufsatz dazu: Neu an diesem Konzept ist vor allem, dass eine Stadt für Stadtkinder (260 Kinder und Jugendliche im Alter von 3 bis 19 Jahren) eine Einrichtung schaffen will, die folgerichtig städtisch sein muss. Die Kinder sollten sichtbar nicht als Randgruppe deklassiert, sondern als Bewohner eines Zentrums und einer kommunikativen Freizeiteinrichtung auch gesellschaftlich akzeptiert werden.

Die "Stadt des Kindes" wurde etwa 12 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt am Fuß des Mühlbergs errichtet, wobei auf den wertvollen Baumbestand Bedacht genommen wurde, der noch vom Schlosspark des "Lederer-Schlössels", eines vermutlich von Johann Bernhard Fischer von Erlach 1715 fertiggestellten und 1973 abgebrochenen barocken "Lusthauses" stammt.

Durch einen sozialpädagogischen Paradigmenwechsel verlor die "Stadt des Kindes" in den 1990er-Jahren sukzessive ihre primäre Nutzung. Statt auf eine zentrale, große Anlage setzte man nun auf Dezentralisierung, d.h. auf viele kleine, im Stadtgebiet verteilte Wohneinheiten. Die Anlage diente nun vorübergehend als Unterkunft für Flüchtlinge. Im Sommer 2008 wurde mit dem Teilabriss der Anlage begonnen. Der verbliebene Teil wurde in eine Wohnhausanlage umgestaltet.