Immer...

Heinrich Steinitz

S

Immer muss ich an die armen Raubvögel in den Käfigen denken,
wie sie stumm dasitzen und die entsehnten Flügel senken
oder kläglich mit ihnen schlagen,
die sie einst durch die Freiheit der Lüfte getragen
und jetzt versagend nur noch dazu langen,
dass sie flattern können zu den niederen Stangen.
Nie konnt' ich ohne heißes Erbarmen und Grauen
diese furchtbare Hilflosigkeit schauen,
immer war mir, als ob diese vergrämten
traurigen Blicke uns selbst beschämten,
die vor so viel Schmach und Entsetzen
müßig sich stellten zum Gaffen und Schwätzen!
Immer sind sie mir als Bild der tiefsten Erniedrigung erschienen,
immer schon sie! – und jetzt gleiche ich selber ihnen.

Aus: Lyrisches Tagebuch Heft I
Zitiert nach: Christina Pal, Heinrich Steinitz. Rechtsanwalt; Dichter; Volksbildner, 2004.