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Für diese Tour empfiehlt sich ein "fahrbarer Untersatz", auch wenn jede einzelne Station mit öffentlichen Verkehrsmitteln bequem erreicht werden kann. Gleich zu Beginn erwartet uns mit dem Karl-Marx-Hof in Heiligenstadt (U4-Endstation) der erste Höhepunkt dieser Tour. Die nach Karl Marx benannte Wohnhausanlage wurde in den Jahren 1927-1930 nach Plänen von Karl Ehn als Musterbeispiel eines monumentalen "Superblocks" errichtet. Besonders beeindruckend sind der stark zurückversetzte Mitteltrakt mit seinen sechs monumentalen Türmen, die von mächtigen Fahnen- stangen überragt werden, den riesigen Durchfahrten, den massiven, archaisch anmutenden Hauseingängen, den Balkon-, Loggien- und Erkergruppen, die auch durch ihre Andersfarbigkeit wie "aufge- setzt" wirken, und der große Vorplatz.
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Die in der Mitte dieses "Ehrenhofes" stehende Bronzefigur "Sämann" stammt von Otto Hofner (1929), die wunderbaren farbigen Keramik- figuren über den Rundbögen ("Aufklärung", "Befreiung", "Kinder- fürsorge", "Körperkultur") und die zwei Blumenvasen von Josef Franz Riedl (1930). Zusätzlich zu den 1.325 Wohnungen für etwa 5.500 EinwohnerInnen wurden im Karl-Marx-Hof auch zahlreiche Gemeinschaftseinrichtungen geschaffen, u.a. zwei Zentralwäschereien, zwei Bäder, zwei Kinder- gärten, eine Mutterberatungsstelle, ein Jugendheim, eine Bibliothek, eine Zahnklinik, eine Krankenkassenstelle mit Ambulatorium, eine Apotheke, ein Postamt, mehrere Arztpraxen, Kaffeehäuser, Räumlichkeiten für politische Organisationen und 25 Geschäftslokale. Im Februar 1934 war der Karl-Marx-Hof ein Zentrum des Wider- standes gegen den Faschismus.
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Über die Nordbrücke und die Prager Straße bzw. über die Floridsdorfer Brücke direkt in die Jedleseer Straße gelangen wir zum Karl-Seitz-Hof, benannt nach dem früheren Bürgermeister und ersten Präsidenten der Republik, und errichtet nach Plänen von Hubert Gessner in den Jahren 1926-1931. Dieser Volkswohnungspalast im typischen Gessner'schen Monumentalstil gehört zweifellos zu den architektonisch bedeutendsten Leistungen des "Roten Wien" und kann ebenso wie der Karl-Marx-Hof als ein Denkmal der Wiener Arbeiterklasse angesehen werden. Den Mittelpunkt bildet der "Ehrenhof" mit seiner spektakulären halbrunden Hauptfront, die von fünf großen Rundbögen durchbrochen wird - ein beeindruckender, halbkreisförmiger und heute nach Karl-Seitz benannter Platz, in dessen Zentrum ursprünglich ein Obelisk geplant war.
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Sobald man den nördlichen Hof hinter dem Halbrund durch eines der beiden mächtigen und mit schönen Gittern versehenen Rundbogen- tore betritt, fallen einem sofort die mit keramischen Fliesen verzierten Stiegenaufgänge, die deutliche Anleihen an die Renaissance zeigen, und die verglasten Stiegenhäuser auf. Den beeindruckenden Abschluss bilden hier die ebenfalls mit Fliesen verkleideten und von Vasen bekrönten Säulen bei Stiege 1, die untereinander durch ein feines Geflecht von Holzspalieren verbunden werden. An der Edisonstraße, die die Anlage axial durchschneidet, ist die Plastik eines schreitenden Mannes mit der Inschrift "Werdet um zu sein" zu sehen. Von hier erschließen sich links und rechts die weiteren, deutlich weniger aufwändig gestalteten Nebenhöfe.
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Über die Prager Straße, den Floridsdorfer Spitz und die Schloßhofer Straße gelangen wir relativ rasch zum Paul-Speiser-Hof (Franklin- straße 20, U6-Station Floridsdorf). Die in den Jahren 1929-1930 errichtete Wohnhausanlage war in der Ersten Republik nach dem benachbarten Sportplatz des Floridsdorfer Athletik-Clubs als "FAC-Bau" bekannt und besteht aus drei autarken Blöcken, die zusammen eine interessante Mischung der im kommu- nalen Wohnbau der Ersten Republik vertretenen architektonischen Strömungen ergeben. Der südliche Bauabschnitt steht noch in der Tradition der detail- verliebten und mit allerlei expressionistischen Zutaten versehenen "Superblocks".
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In deutlichem Gegensatz dazu steht der vom 1939 vertriebenen Architekten Ernst Lichtblau gestaltete, vierkanthofartige Block mit verglasten Veranden, integrierten Hauseingängen und Pergolen, der von manchen Experten als eines der gelungensten Beispiele der "sachlichen" Architektur in Wien bezeichnet wird.
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Vom Paul-Speiser-Hof sind es nur wenige Schritte zum Kinzerplatz, an dessen östlichem Ende sich der 1926/27 errichtete und nach dem Zweiten Weltkrieg zu Ehren der Schweizer Stadt Biel benannte Bielerhof befindet. Die Anlage gehört mit ihrer langen Arkadenbogenreihe, den von polygonalen und reich verzierten Erkern flankierten Loggien, den hohen Spitzgiebeln, den kupfernen Vordächern und der auffälligen Farbgebung eindeutig zum "romantischen" Typus des Wiener Gemeindebaus und erweckt tatsächlich den Eindruck einer mittel- alterlichen Burganlage.
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Bemerkenswert sind auch die ansteigend angeordneten Stiegen- hausfenster im Straßenhof an der Nordmanngasse und im Gartenhof, wo ansonsten die schweren polygonalen Erkergruppen dominieren.
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Unser nächstes Ziel, den in Kaisermühlen (U1-Station UNO-City) gelegenen Goethehof, Schüttaustraße 1, erreicht man am besten über die Donauuferautobahn oder den an der Neuen Donau entlang führenden Radweg. Über dem für eine Anlage dieser Größe wenig pompösen Eingangs- bereich befinden sich drei Plastiken, zwei Musiker und eine Tänzerin. Dahinter öffnet sich der große Haupthof, der stilistisch eher zurückhaltend und sachlich konzipiert wurde. An seinem Nordrand markieren zwei pylonartige Wohntürme den Ausgang zum "Kaiserwasser".
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Auffallend ist das Nebeneinander von expressiven und sachlich-kubischen Stilelementen in der gesamten Anlage. Zu diesem uneinheitlichen Erscheinungsbild passt auch die in der Schüttaustraße angebrachte Sonnenuhr mit keramischen Tierkreiszeichen. Der Goethehof war im Februar 1934 besonders hart umkämpft und wurde mit Kanonen sturmreif geschossen.
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Zum Schüttau-Hof am Kaisermühlendamm 55 geht man am besten zu Fuß. Die große, expressiv gestaltete Anlage wurde in den Jahren 1924-1926 errichtet und verfügt über das gesamte Repertoire der kommunalen Wohnhausanlagen dieser Zeit, von polygonalen und spitzen Erkern, Rund- und Spitzbögen, über Dreiecksfenster und Zierzinnen bis hin zu diversen Dekorelementen.
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Interessant sind auch hier die ansteigend angeordneten Stiegen- hausfenster im Innenhof sowie der Wohnturm beim Eingang Schiff- mühlenstraße mit "gefalteten" Balkonen. In der Anlage befinden sich mehrere Geschäfte, eine Badeanlage, ein Kindergarten, eine Mutter- beratungsstelle und eine Bibliothek.
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Gleich jenseits der Reichsbrücke (U1-Station Vorgartenstraße) bildet der 1924/25 errichtete Lassallehof einen Brückenkopf zur Donau und ein markantes Einfallstor der Stadt. Die repräsentative Anlage mit monumentalem achtstöckigen Turmbau ist ein weiteres Werk des vielbeschäftigten Hubert Gessner, der hier allerdings mit anderen Architekten zusammenarbeiten musste, was dem Bau eine gewisse stilistische Uneinheitlichkeit verleiht.
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Die Straßenfront des Gebäudes ist mehrfach zurückgestuft; im Erdgeschoss befindet sich eine lange Ladenstraße mit Rundbögen. Tempelartig und monumental ist auch das tiefe Entrée mit auf- gesetzter Pergola. Eine Gedenktafel erinnert hier an den Namens- geber Ferdinand Lassalle, einen Pionier der deutschen Arbeiter- bewegung. Der zentrale Innenhof ist repräsentativ mit Steinvasen ausgestattet. Im Lassallehof waren auch ein Kindergarten, eine Mutterberatungs- stelle und im ersten Stock des abgetreppten Eckteils eine Volksbibliothek untergebracht.
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Über die Engerthstraße, in der sich mit dem Beerhof (Nummer 83), dem Janecek-Hof (Nummer 99) und dem Robert Blum-Hof (Nummer 110) noch drei weitere große kommunale Wohnbauten befinden, gelangen wir zur Hellwagstraße. Gleich nach der Schnellbahnbrücke stoßen wir auf den auf einem dreieckigen Grundstück errichteten Otto-Haas-Hof (U6-Station Dresdner Straße) in der Pasettistraße 47. An der Errichtung des nach einem 1944 hingerichteten Funktionär der Revolutionären Sozialisten benannten Hofes wirkten so illustre Architekten wie Adolf Loos und Margarete Lihotzky mit.
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Loos, der ursprünglich ein modernes Terrassenhaus errichten wollte, scheiterte jedoch mit seinen Vorschlägen und zog seine Mitarbeit später zurück. An den Gebäudeecken finden sich interessante konstruktivistische Loggien, der Rest der Anlage weist lange und glatte Wände auf. Im Innenhof war an zentraler Stelle eine Badeanstalt untergebracht.
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Städtebaulich bildete der Otto-Haas-Hof mit dem gleich gegenüber liegenden Winarskyhof ursprünglich eine Einheit, in deren Zentrum sich einst das von Mario Petrucci (1928) gestaltete Denkmal für Ferdinand Lassalle befand, das von den Austrofaschisten 1936 abgetragen und zerstört wurde. Der Winarskyhof wurde in den Jahren 1924 bis 1926 nach Plänen von Josef Hoffmann, Josef Frank, Oskar Strnad, Oskar Wlach, Franz Schuster, Adolf Loos, Margarete Lihotzky, Karl Dirnhuber und Peter Behrens errichtet, zweifellos das hochkarätigste Architektenteam, das jemals an einem einzelnen kommunalen Wohnbau beschäftigt war.
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Trotz der persönlichen Handschrift der beteiligten Stararchitekten wurde hier eines der bemerkenswertesten Ensembles geschaffen ein Bau, der schlicht, monumental und intim zugleich ist. Der Winarskyhof, benannt nach dem ersten sozialdemokratischen Gemeinderat der Brigittenau, bildet eigentlich eine größere, an der Nord- und Westseite von einer Volksschule und dem ehemaligen Brigittaspital abgeschlossene Hofanlage, in die ein zweiter, kleinerer Hof integriert wurde; beide Anlagen werden von der Leystraße, die insgesamt vier Mal monumental überbrückt wird, durchschnitten. Besonders eindrucksvoll ist die lange Front mit Torbau und expressiven Fassaden an der Winarskystraße.
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Abschließender Höhepunkt unserer Tour ist der nahegelegene Friedrich-Engels-Platz mit der 1930-1933 errichteten und immer noch unbenannten Wohnhausanlage von Rudolf Perco. Der Wohnbau am Engels-Platz ist mit 1.467 Wohnungen der zweitgrößte Wohnbau des "Roten Wien" nach dem Sandleiten-Hof in Ottakring. Die spektakuläre konstruktivistische Monumentalität des Torbaus mit seinen pylonartigen Wohntürmen, den vorgesetzten Balkongruppen und den riesigen Fahnenmasten sucht ihresgleichen in Wien.
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Sehr eindrucksvoll wirken auch die zahlreichen "aufgesetzten" Balkone mit den schön verzierten Gittern. Einen prägnanten Kontrapunkt setzt der klinkerverkleidete, asym- metrische und weithin sichtbare Uhrturm.